Wahrnehmen mit allen Sinnen

Wir nehmen die Welt mit unseren 5 Sinnen wahr - sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Jeder Wahrnehmungssinn hat ein Zentrum im Hirn. Wenn ich eine Erfahrung also mit mehreren Sinnen mache, wird sie mehrfach als Gedächtnisspur abgespeichert und vernetzt. Hirnforscher nennen das „Multikodierung“.
Wahrnehmen mit unseren 5 Sinnen

Wir wir unsere Welt wahrnehmen

Im Allgemeinen sprechen wir von fünf Sinnen, mit denen wir die Welt wahrnehmen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Man nennt sie auch visuell (oder optisch), auditiv (akustisch), olfaktorisch, gustatorisch und kinästhetisch (taktil, haptisch). 

 

Haben wir Schwierigkeiten mit unserer Wahrnehmung, dann besorgen wir uns normalerweise eine Brille, ein Hörgerät oder gehen zum Arzt. Wieso es also im Mentaltraining behandeln? Bekommt man dann vielleicht Adleraugen, Elefantenohren und eine Trüffelnase? Wahrscheinlich nicht. Der Grund ist vielmehr, dass Wahrnehmungen die Basis von Vorstellungen sind, und Vorstellungen sind die Domäne des Mentaltrainings. 

Wahrnehmungen und Vorstellungen

Was Wahrnehmungen sind, lässt sich recht gut verstehen. Aber was sind Vorstellungen? Der Psychologe und Sportwissenschaftler Professor Jörn Munzert erklärt sie als „wahrnehmungsartige Erscheinungen“ und spricht von der „Aktualisierung von Gedächtnisbesitz“ als Grundlage von Vorstellungen. Mit anderen Worten: Wenn wir uns etwas vorstellen, ahmen wir bewusst eine sinnliche Wahrnehmung nach, während wir Inhalte aus dem Langzeitgedächtnis in den Arbeitsspeicher verschieben.

 

Das ist ein beachtlicher Vorgang, denn Vorstellungen sind wichtige Werkzeuge, mit denen wir unsere Wünsche und Ängste manifestieren, unsere Vergangenheit und Gegenwart bewerten und uns auf die Zukunft vorbereiten. Vorstellungen beeinflussen unsere Gefühle und Entscheidungen in hohem Maße, deshalb werden sie im Mentaltraining untersucht und hinterfragt.

 

Wie nun sind Sinneswahrnehmungen die Basis von Vorstellungen? Der Zusammenhang, der die beiden verbindet, ist das Gedächtnis. Unsere „Festplatte“ speichert Wahrnehmungen neuronal ab und kann danach darauf zugreifen. Wenn uns jemand nach unserem ersten Kuss fragt, kommt bei vielen spontan eine Erinnerung in Form einer Vorstellung zutage, ein Bild, ein Geruch, ein Berührungserlebnis, ein geflüstertes Wort. Auch Gefühle speichert unser Gedächtnis in einer Weise, dass wir uns daran erinnern und sie zu Rate ziehen können. Erinnerung ist die Nachbildung einer realen Erfahrung. 

 

Da sagt sich das Gehirn: Moment mal, wenn ich reale Erfahrungen nachbilden kann, dann kann ich sie auch nachahmen, imitieren, und mit neu erfundenen Vorstellungen meinen Werkzeugkasten erweitern. Dann profitiere ich von Erfahrungen, die ich gar nicht gemacht habe, oder kann zumindest meine selbstgemachten Vorstellungen an neuen realen Situationen abgleichen. – Ganz schön pfiffig, unser Gehirn! 

Mit allen Sinnen wahrnehmen - multikodiert hält besser

Jeder Wahrnehmungssinn hat ein Zentrum im Hirn. Wenn ich eine Erfahrung also mit mehreren Sinnen mache, wird sie mehrfach als Gedächtnisspur abgespeichert und vernetzt. Hirnforscher nennen das „Multikodierung“. Wird ein Element des Netzes aktiviert, kann man die Erinnerung in vielen Fällen als Ganzes abrufen, wobei motorische oder andere körperliche Begleitaktionen zusätzliche Nervenverbindungen schaffen.

 

Anwenden lässt sich dieses Wissen auf verschiedene Weise. Zunächst einmal kann man Dinge genauer und schneller wahrnehmen, wenn man mehrere Sinneseindrücke kombiniert und integriert, also zu einer Einheit verschmelzen lässt. Wenn eine Chirurgin nicht nur anhand eines Bildschirms die kleinen Operations-Greifzangen bedient, sondern zusätzlich Kraftrückmeldungen bekommt, also haptische Signale, wird ihre Arbeit (Performance) besser.

 

Das bedeutet gleichzeitig, dass wir Lernprozesse verbessern können, wenn wir sie mit mehreren Sinnen verbinden. Ein Kind wird sich leichter merken, wie man einen köstlichen Kirschkuchen backt, wenn es an den Zutaten riecht und sie probiert, wenn es die Geräusche der Zubereitung und des Ofens wahrnimmt. 

 

Außerdem helfen uns die abgespeicherten Wahrnehmungen dabei, in unbekannten, neuen Situationen einen Sinn zu finden, indem wir sie mit unseren Erinnerungen abgleichen, um uns zu orientieren. Das geschieht meistens unbewusst.

Visualisieren und Wahrnehmen

Die wohl wichtigste Technik im Mentaltraining, was die Nutzung und Förderung multikodierter Wahrnehmungen betrifft, ist das Visualisieren, also die gezielte und bewusste Vorstellung von zukünftigen beziehungsweise möglichen Ereignissen und Situationen. 

 

Im engeren Sinne verweist das Visualisieren auf bildliche Vorstellungen und im Weiteren bezieht es sich auf alle Sinne, nicht nur das (innere) Sehen. Es ist sinnvoll, herauszufinden, welche Sinneswahrnehmungen wir besser abspeichern können als andere, welche uns also mehr liegen, denn das ist nicht bei jedem gleich.   

 

Sportler stellen sich im Training die Wettkampfsituation in allen Einzelheiten und Etappen vor. Auch Auftrittskünstler bedienen sich der Visualisierung, um die Zukunft vorwegzunehmen. Es ist nicht ihr erster Auftritt und das vorige Stück war erfolgreich. 

 

Die Schauspielerin weiß, dass es nicht reicht, ihren Text jeden Tag zur Übung aufzusagen, denn die Live-Situation erfordert mehr. Deshalb stellt sie sich die Bühne vor, das Knarren der Bretter, den Geruch der Schminke und der Kostüme, den Gesichtsausdruck der Mitspieler, das Raunen des Publikums, die Gesichter in der ersten Reihe, den Applaus. All das wird dazugehören und sie will nicht, dass es sie ablenkt. 

 

Um sich ihren Text besser zu merken, verknüpft sie das Repetieren mit den Bewegungen, die sie auch auf der Bühne machen wird, besonders bei den Textstellen, wo sie manchmal „Hänger“ hat. Die anderen Darsteller visualisiert sie dabei so, als stünden sie tatsächlich vor ihr. Jeden Tag integriert sie weitere Elemente ihrer Erinnerung in den Lern- und Trainingsprozess und fühlt sich immer sicherer. 

Sie macht sich auch ein Bild von möglichen Krisen wie Versprechern oder Hängern, auch denen der Mitspieler, und überlegt, wie sie gelassen damit umgehen kann. Selbst die Sprechpausen stellt sie sich vor und erinnert sich daran, wie sie sie beim letzten Stück erlebt und gestaltet hat. Wenn schließlich der Vorhang aufgeht, hat sie die Situation so gut es geht im Griff. 

Entspannungsübung und Schmerzbewältigung

Bewusstes Wahrnehmen mit allen Sinnen stärkt also unser Handeln, unser Selbstbewusstsein und unsere Identität, weil es abgespeichert und verfügbar gemacht wird. Dabei sollte der Leistungsaspekt nicht überbewertet werden, denn er ist nur ein Teil der Arbeit mit Wahrnehmungen und Vorstellungen. 

Visualisierungen werden nämlich auch bei Entspannungsübungen und zur Schmerzbewältigung herangezogen. Man stellt sich – wie immer so detailliert wie möglich – die eigene Person in einer entspannten Situation vor, vielleicht am Meer, mit Möwen und dem Geruch von salzigem, warmem Wind und Sonnencreme. Für die Schmerzbewältigung visualisiert man den Heilungsprozess und kann ihn damit manchmal beschleunigen. 

 

All dies sind gesteuerte Visualisierungen, denn wir erzeugen sie willentlich, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Darüber hinaus bietet der Fundus an gespeicherten Wahrnehmungen und Gefühlen auch die Möglichkeit, ungesteuert Bilder und Erinnerungen zuzulassen, um sie zu betrachten und zu untersuchen. Dies führt in den Bereich von Hypnosen und Trancen, schlafähnlichen Zuständen, die oft in der Medizin und in kreativen Prozessen genutzt werden. 

 

Kennt man also das Geheimnis gespeicherter Sinneseindrücke, nimmt man sich selbst und seine Möglichkeiten bewusster wahr. 

Literaturquellen